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4/2014

Der Bedarf an Alterswohnungen und Pflegeplätzen wächst kontinuierlich. Die im Oktober 2013 fertiggestellte Überbauung Soligänter im zürcherischen Bülach trägt dieser Entwicklung Rechnung, will aber kein Getto für Senioren sein. Fast ein Drittel der Wohnungen sind deshalb für Familien reserviert, das Bistro der Siedlung soll zur internen Drehscheibe und auch zum Treffpunkt für das Quartier werden. Ein erster Augenschein.

Die Mittagszeit ist vorüber, der feine Duft der hausgemachten Kürbis-Orangensuppe und der Lachsmedaillons hat sich aus dem Bistro Soligänter verzogen. Jetzt riecht es nach dem frischen Kaffee, den sechs Frauen am Nebentisch zu einem Stück Kuchen geniessen. Aus ihrem Gespräch lässt sich schliessen, dass sie das Bistro zum ersten Mal besuchen, aber ortskundig sind. «Ich sitze hier sozusagen auf meinem Rüeblibeet», witzelt die eine – und das Sextett lacht.

Um den Scherz zu verstehen, muss man wissen: Auf dem Boden, aus dem 2012 und 2013 die Überbauung Soligänter mitsamt seinem Bistro gewachsen ist, haben früher 42 Bülacher Hobbygärtnerinnen und -gärtner Gemüse gezogen. Dass die Schrebergärten weichen mussten, hat freilich nichts mit Immobilienspekulation zu tun. Im Gegenteil: Die heutige Nutzung des Areals, das im Wohnquartier Soligänter am nördlichen Rand der rund 19‘000 Einwohner zählenden Stadt Bülach liegt, kommt noch weitaus mehr Menschen zugute.

11 Familien- und 28 barrierefreie Alterswohnungen – 1 bis 4½ Zimmer gross und mit einer Ausnahme bereits vermietet –, Räumlichkeiten für eine Wohngruppe mit 16 Pflegeplätzen sowie diverse Gemeinschaftsräume sind in den nun auf dem Grundstück stehenden Liegenschaften untergebracht. Errichtet wurden letztere von der Bülacher Baugenossenschaft Gstückt (BGG), die als Bauträgerin die Mietzinse leicht unter dem ortsüblichen Durchschnitt ansetzen kann und mit ihrem Siedlungskonzept Wohnenplus auf den demografischen Wandel reagiert.

Ein internes Personennotfallsystem vermittelt Sicherheit
Den achtzigsten oder gar den neuzigsten Geburtstag feiern zu können ist heute keine Ausnahme mehr. Viele Senioren bleiben zudem bis ins hohe Alter so agil, dass sie ihr Leben selbstbestimmt meistern können, wenn die räumlichen Strukturen und das soziale Umfeld stimmen. Andererseits nimmt aufgrund der hohen Lebenserwartung auch die Anzahl an Demenz erkrankter Menschen zu. Für sie braucht es ebenfalls adäquate Wohnangebote.

Die Grundidee der gemischten, generationenübergreifenden Genossenschaftssiedlung Soligänter besteht darin, diese verschiedenen Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen und daraus sogar Vorteile zu gewinnen. So profitieren die älteren Mieterinnen und Mieter beispielsweise davon, dass sie im Notfall über ein Alarmsystem den Pflegedienst der Wohngruppe mobilisieren können. Und zwar rund um die Uhr. Das vermittelt Sicherheit.

Weiter soll ihnen ein gewisses Mass an Nachbarschaftshilfe den Alltag erleichtern. Etwa indem Mütter, Väter oder grössere Kinder der Siedlung für sie Besorgungen machen. Im Gegenzug könnten ältere Bewohner beispielsweise Kinderhütedienste übernehmen. Für die Senioren der Pflegewohngruppe sowie deren Betreuende und Angehörige dürfte es wiederum ein Plus bedeuten, von einem lebendigen Siedlungsgeschehen umgeben statt von der Aussenwelt abgeschottet zu sein. Kurz: Das angestrebte Mass an Offenheit soll dazu führen, dass sich die Soligänter-Bewohner in ein Ganzes eingebunden und gut aufgehoben fühlen.

Die Architektur betont das Gefühl der Zusammengehörigkeit
Diese Intention wird raffinierterweise von der Anordnung und Architektur der Siedlungsanlage betont. Die beiden Soligänter-Liegenschaften – die eine ein langgezogener Baukörper, die andere mit L-förmigem Grundriss – fügen sich zu einem da und dort gegen aussen durchbrochenen U. Gespiegelt wird dieses von der angrenzenden, bereits 1995 von der BGG realisierten Siedlung Hohfuristrasse mit Familienwohnungen und zwei Behindertenwohngruppen.

Wie grosse offene Arme umfangen die beiden U-Komplexe einen grosszügigen Innenhof. Dieser Eindruck wird durch das sonnig-warme Currygelb der nach innen gerichteten Hausfassaden zusätzlich betont. Der auf der Spiegelachse zwischen Soligänter und Hohfuri gelegene neue Spielplatz funktioniert als weiteres verbindendes Element und markiert zudem einen Mittelpunkt.

Bistro wertet Siedlung und Quartier auf
Im Bistro der Siedlung wird einem auf ähnliche Weise sofort behaglich zu Mute: Die Innenausstattung und Möblierung schaffen eine warme Atmosphäre, dank der lockeren Anordnung der Tische finden auch Gäste im Rollstuhl gut Platz. Und an sieben Tagen pro Woche sorgt die Bistroleitung mit ihrem Team für das leibliche Wohl der Gäste.

Gemütlich: Im Buffetbereich dominiert Holz.

Rouichi Azzedine, Sekundarlehrer und bereits Stammgast, weiss das zu schätzen. «Das Personal ist sehr freundlich und das Essen sehr gut», schwärmt er. «Das Bistro wertet das Quartier eindeutig auf.» Abgesehen vom kleinen Restaurationsbetrieb im Untergeschoss einer Gewerbeliegenschaft gab es vorher in der Umgebung nämlich keine Alternative.

Das Zusammenleben in der Siedlung gewinnt an Fahrt
Die Chancen stehen also gut, dass das Bistro Soligänter zum Quartiertreffpunkt wird – wie anfangs letzten Dezember, als der Samichlaus und mit ihm Jung und Alt von nah und fern in das Lokal kamen. Bereits einiges anstossen konnte die Bistroleiterin ausserdem innerhalb der Siedlung, in der sie zusätzlich zur Bistroleitung offiziell die Moderatorenrolle übernommen hat. Der wöchentliche Mittagstisch «Essen wie daheim» findet guten Anklang. Für sechs ältere Bewohner, die sich ein Bewegungsangebot wünschten, werden im Gemeinschaftraum Tai-Chi- und Qi-Gong-Kurse organisiert – zu günstigen Preisen, da die aus dem Quartier stammende Trainerin die Räumlichkeiten gratis nutzen darf.

Darüber hinaus wurde im Bistro ein kleiner Mini-Laden eröffnet, der ebenfalls schon auf Resonanz stösst. Denn vor der Siedlung hält zwar jede halbe Stunde ein Bus, der in wenigen Minuten an den Bahnhof und ins dörflich geprägte Stadtzentrum fährt. Und kaum mehr als einen halben Kilometer Fussweg entfernt gibt es einen Quartierladen. Mieter, die nicht mehr so gut auf den Beinen sind, sind jedoch dankbar für ein kleines Angebot an Produkten des alltäglichen Bedarfs direkt vor Ort. Und andere Siedlungsbewohner sowie Leute aus dem Quartier mitunter auch. Von diesem Zusatzservice können also ebenfalls viele profitieren.





Text/Fotos: Jolanda Lucchini