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Bau & Ausstattung


9/2014

Was macht altersgerechtes Wohnen aus? Und auf was gilt es punkto Standort, Konzept, Architektur und Ausstattung zu achten? Bei der generationenübergreifenden Wohnenplus-Siedlung Soligänter in Bülach spielten folgende Faktoren eine wichtige Rolle:

Der Standort

Bülach, nur gerade 16 Luftkilometer nördlich von Zürich gelegen, mausert sich derzeit vom «Städtli zur Stadt», wie die Zeitung «Der Landbote» kürzlich schrieb. In den letzten zehn Jahren wuchs die Bevölkerung von zwölf auf achtzehntausend Personen – Tendenz weiterhin steigend – und für verschiedene Gebiete gibt es Entwicklungspläne, die die Urbanisierung weitertreiben werden. So etwa für die Areale der ehemaligen Glashütte Bülach und Bülachguss AG im Norden, wo ein neuer, moderner Stadtteil entstehen soll. Und doch hat Bülach seinen ländlichen Charakter behalten. Der historische Kern mit den Fachwerkhäusern und Brunnen wirkt heimelig, rundum ist der Ort von grünem Naherholungsgebiet umschlossen.

Bülach

Gerade ältere Bülacher Bürger wünschen sich denn auch, in der zweiten Lebenshälfte weiterhin von den Vorzügen der Kleinstadt profitieren zu können und sich zugleich in einem kleineren, intimeren Umfeld eingebunden zu fühlen. Die Lage der neuen Siedlung Soligänter – in einem ruhigen, gut durchmischten Quartier, nur 15 Fussminuten vom Bahnhof und 20 Fussminuten vom Zentrum entfernt, Bushaltestelle vor der Türe – ist deshalb ideal. Dies zumal viele der Senioren bereits vorher hier im Viertel gelebt haben. «Es war für sie eine grosse Erleichterung, hier bleiben zu können. Sie fühlen sich nicht entwurzelt», sagt Peter Fehrlin, Präsident der Baugenossenschaft Gstückt, welche die Überbauung Soligänter realisiert und generationenübergreifend ausgerichtet hat, indem diese auch Familienwohnungen umfasst. Es darf als weiteres Plus verbucht werden, dass sich in unmittelbarer Nähe ein Kindergarten und eine Schule befinden.

Altersgerechtes Wohnen fängt laut Peter Fehrlin «nicht erst in den eigenen vier Wänden an. Ein sozialorientiertes Umfeld ist ebenfalls wichtig». Deshalb sind im kleineren Gebäude der Überbauung Soligänter Wohnungen für Familien reserviert. Die Familien wurden bei der Vermietung zudem nach ihrer Bereitschaft ausgewählt, ab und zu eine Dienstleistung für die Seniorinnen und Senioren zu erbringen. Im Gegenzug, so ist es nach dem Prinzip «Geben und Nehmen» angedacht, werden ältere Bewohner zum Beispiel auch mal Kinder hüten. «Wir können einen solchen Austausch freilich nicht verordnen, nur anstossen. Nun muss das Pflänzchen selber wachsen», so Peter Fehrlin. Ein wichtiger Eckpfeiler ist des Weiteren das Bistro der Siedlung. Als Begegnungsort übernimmt es eine integrierende Funktion und schafft eine Verbindung zum Quartier, da es allen offensteht. Der Leiterin des Bistros wurde zusätzlich ein Moderationsauftrag erteilt. Sie ermittelt, welche Aktivitäten bei den Bewohnerinnen und Bewohnern Anklang finden und organisiert entsprechende Tätigkeiten.

Die Architektur

Wie hindernisfreies Bauen im Detail zu gestalten ist, regelt die SIA-Norm 500 des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins. Die grundlegenden Vorgaben wie keine Schwellen, kaum und höchstens minime Absätze, wo immer möglich keine Stufen, genug breite Durchgänge, elektronische Rollläden, rollstuhlgängige Lifte wurden beim Bau der Überbauung Soligänter möglichst berücksichtigt. Ein nächstes Mal würde Peter Fehrlin wegen der beschränkten Rollstuhltauglichkeit auch keine Duschtassen mehr einbauen lassen. Von grossem Vorteil ist der Bettenlift im Gebäude mit den von der Stadt angemieteten Räumen für die Pflegewohngruppe und den darüber liegenden Alterswohnungen. «Wenn ein Bewohner erkrankt und vom 4. Stock herunter transportiert werden muss, ist diese Einrichtung sicher sehr nützlich», begründet Peter Fehrlin.

Im Senioren-Haus wurde zudem auf jeder Etage ein Service-Point mit Wäscheturm und Aufhänge eingerichtet. Darüber hinaus verfügt jede Wohnung über einen Anschluss, falls die Mieter einen eigenen Wäscheturm installieren möchten.

Blick vom Spielplatz Richtung Bistro

Die moderne, kubistische Architektur der Flachdachgebäude fügt sich gut in das Quartierbild ein. Ein Satteldach würde zwar vermutlich von der heutigen Senioren-Generation als behaglicher wahrgenommen. Ebenso kleinere Fenster, die weniger Licht in die Räume lassen. «Die grossen Glasflächen finden manche zudem mühsam zum Putzen, wie entsprechende Rückmeldungen zeigen», sagt Peter Fehrlin. Doch man müsse eben auch mittel- bis langfristig planen. «Die kommenden Generationen sind grosszügige Fenster gewohnt und werden auch im Alter helle Wohnungen bevorzugen.»

Die Parkgarage wurde ebenfalls schwellenlos und mit Rampen konzipiert, die Parkplätze breiter als üblich angelegt.

Doch das altersgerechte Bauen barg auch seine Tücken. Auch bei Balkontüren müssen Schwellen nach SIA 500 minimal sein. Die Folge: In den Attika-Wohnungen regnete es herein; das zog leider eine Sanierung nach sich. Die Lehre, die Peter Fehrlin daraus zieht: «Bei Fensterelementen, die schwellenlos angeschlagen werden, muss bereits in einem frühen Planungsstadium der Entwässerungslösung im Aussenbereich besondere Beachtung geschenkt werden.» Zu den Wohnungstrakten im grösseren Seniorenhaus führen intern aus Brandschutzgründen sechs Türen. Sie sind nicht automatisiert. «Leider sind unsere Türen jedoch so schwer, dass es ziemlich Kraft braucht, sie zu öffnen. Das gleiche Problem besteht bei der grossen Haupteingangstüre», sagt Peter Fehrlin. Indem man den Öffnungswiderstand leichter einstellte, schuf man inzwischen zwar etwas Abhilfe. Trotzdem gibt es laufend Reaktionen von Mietern, die eine Tür-Automatisierung fordern. Die Baugenossenschaft sah diesen Mangel ein und wird diese Türen trotz relativ hohen Kosten nachträglich automatisieren.Kritisch sind auch die von der Feuerpolizei vorgeschriebenen Notausgänge aus der Parkgarage. Steile Treppenstufen führen nach draussen. Die Gefahr besteht, dass jemand – zumal kleine Kinder – aus Unachtsamkeit hinunterfällt. Peter Fehrlin: «Bei der Planung ist es somit eine besondere Herausforderung, Brandschutzvorgaben und Altersgerechtigkeit möglichst befriedigend unter einen Hut zu bringen.»

Der Aussenbereich

Die beiden neuen Liegenschaften sind so angeordnet, dass sie mit den bereits seit 1995 bestehenden Häusern an der Hohfuristrasse eine Einheit und zudem eine Art Hof bilden. Dieser vermittelt den Bewohnern Geborgenheit, wenn sie draussen sitzen. Die Farbgebung der Fassaden, für die eine Farbgestalterin beigezogen wurde, unterstützt diese Effekte und dürfte das Zusammengehörigkeitsgefühl zusätzlich begünstigen.

Breite, in angenehm weiten Kurven angelegte Wege führen bequem über das Grundstück, «wobei auch hier auf Feuerwehr-Vorgaben geachtet werden musste», so Peter Fehrlin. Speziell für Senioren geeignete Bänke laden zum Verweilen ein. Hier finden die spontanen Begegnungen aller Siedlungsbewohner statt. Wenn die Kinder sich austoben wollen, wechseln sie auf den Spielplatz, der etwas entfernter, in der Mitte zwischen den Soligänter- und Hohfuri-Liegenschaften liegt. Die Gärten und Balkone der Familienwohnungen wiederum gehen nicht auf den Hof, sondern auf der Rückseite des Familiengebäudes hinaus. So ist dafür gesorgt, dass alle für ihre Bedürfnisse Freiräume haben.

Eine besondere Herausforderung war die Gestaltung des Aussenbereichs der Pflegewohnung, die im Parterre liegt. Damit die Bewohner gut und sicher aufgehoben sind, musste ein relativ hoher Zaun eingerichtet werden. Gewählt wurde ein Maschendrahtsystem, das nun begrünt wird. «In zwei Jahren, wenn die Pflanzen gewachsen sind», ist Peter Fehrlin überzeugt, werde die Abgrenzung schön und diskret aussehen, «optisch aber nicht so undurchdringlich wirken wie eine Mauer». Die gleiche Lösung wurde nachträglich auch auf der der Quartierstrasse zugewandten Seite der Pflegewohnung realisiert. Eigentlich rahmt dort bereits eine attraktive, naturnahe Stützmauer aus Kalkstein den tiefer als die Strasse liegenden Vorplatz ein. Es zeigte sich jedoch, dass diese Einfassung wegen der Ritzen zwischen den Steinquadern leicht überstiegen werden kann.

Die Ausstattung

Die Wohnräume wurden überall mit dem gleichen Parkett ausgestattet, Küche und Nasszellen mit einem pflegeleichten Bodenbelag. Da ältere Menschen mit modernen elektronischen Schaltern vielfach überfordert sind, gibt es überall normale, genug grosse Lichtschalter, die den taktilen Fähigkeiten der Bewohner Rechnung tragen.

In der Küche haben Kochherde und Backöfen Drehknöpfe und nicht berührungssensitive Touch-Screen-Bedienfelder. Heute würde Peter Fehrlin darauf achten, dass die Abwaschmaschinen 50 cm ab Boden installiert würden, «da das praktischer und rückenschonend ist.» Weil Menschen im Alter kleiner werden und wegen der Unfallgefahr auch nicht auf Stühle und Hocker steigen sollten, wäre es zudem besser gewesen, die Küchenschränke etwas tiefer als die Norm anzubringen.

Grosse Beschriftungen, etwa im Lift und bei den Hausnummern, bieten optische Unterstützung.
Dem Sicherheitsbedürfnis älterer Menschen entsprechen die Türspione, die ebenfalls nicht zu hoch angebracht sind.

Zudem gibt es ein Alarmierungssystem. Nach einigen Anfangsproblemen technischer Natur hat die Genossenschaft für jede Alterswohnung ein Alarmtelefon mit je einem Alarmknopf in der Nasszelle und einem Armband beschafft. Die Mieter haben nun die Wahl, einen Notruf direkt an Familienangehörige zu richten oder an eine Notrufzentrale, welche Angehörige oder die Pflegewohngruppe alarmiert. Die Alarmierung über Notrufzentrale wie auch die Inanspruchnahme der Dienstleistungen der Mitarbeiterinnen der Pflegewohngruppe ist für die Mieter kostenpflichtig, jedoch nicht die direkte Alarmierung von Angehörigen.

Natürlich wären noch mehr altersgerechte Supplements denkbar. Aus Kostengründen - «wir sind eine Genossenschaft, keine Altersresidenz», so Peter Fehrlin – hat man sich bei der Überbauung Soligänter jedoch auf die wesentlichen Faktoren beschränkt und zum Beispiel auf elektrische Sonnenstoren verzichtet. «Etliche Bewohner würden sich zwar eine wünschen, weil es ihnen Mühe bereitet, die Storen mit der Kurbel zu bedienen.»

In der Pflegewohnung gab die Stadt Bülach als Mieterin vieles vor. So wurde eine Pflegebadewanne mit Lift eingebaut, dies obwohl jedes Einzelzimmer über eine Nasszelle verfügt und in den Doppelzimmern sogar deren zwei vorhanden sind, um die Würde der Bewohner zu wahren.

Ein besonderes Augenmerk bei der Ausgestaltung des Bistros wurde auf die Akustik gelegt. «Im Gastraum sollte es nicht hallen, wir haben uns deshalb für Spannteppich entschieden», so Peter Fehrlin. Ausgewählt wurden zudem Stühle mit gutem Sitzkomfort und insgesamt auf eine nicht allzu moderne, dafür warm wirkende Einrichtung. Im Buffetbereich dominiert Holz. Die Toilette ist selbstverständlich hindernisfrei. Nicht ganz zufriedenstellend ist der Zugang zum Bistro gelöst. «Auch hier ist die Türe schwer und eine Automatisation wohl optimaler.»


Text/Fotos: Jolanda Lucchini